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Meine Geschichte · Teil 3 von 3

(3) Die ADHS-Diagnose: erst die Erleichterung, dann das Loch

Nahaufnahme einer Geige

Der Anrufbeantworter war das Ende des einzigen Weges, den ich kannte. Und gleichzeitig der Anfang von dem, was ich am besten kann, wenn mich ein Thema einmal wirklich hat. Und auf in den Hyperfokus!

Zwei, drei Monate suchen

Ich habe Listen mit Praxen geführt, Mails geschrieben, angerufen, wieder angerufen, und bekam dabei immer wieder die gleichen drei Antworten: keine freien Plätze, Diagnostik nur für Kinder, oder eine Warteliste von anderthalb Jahren, wenn ich Glück hätte.

Was mich durch diese Monate getragen hat, war ausgerechnet das, wonach ich gesucht habe. Wenn mich ein Thema packt, dann packt es mich ganz, und dann arbeite ich mich durch jede Liste und jede Telefonnummer, bis ich am Ende angekommen bin.

Die Eigenschaft, wegen der ich Hilfe gesucht habe, war die Eigenschaft, mit der ich sie mir organisiert habe.

Was dabei die ganze Zeit mitlief

Zwischendurch kam immer wieder die Frage, was eigentlich ist, wenn am Ende nichts dabei herauskommt.

Man geht da nicht hin, weil man meint, man hat es nicht. Sondern weil man befürchtet, dass man es hat.

Und wenn es dann doch nichts wäre, stünde ich wieder an derselben Stelle wie vorher, nur mit der Bestätigung, die ich mein Leben lang gehört hatte: dass ich mich einfach mehr anstrengen müsste.

Die Praxis

Gefunden habe ich schließlich eine Praxis in Hamburg, die gerade erst eröffnet hatte, und genau deshalb waren dort überhaupt noch Termine frei. Ich habe vorher den Lebenslauf gelesen, und das war der Punkt, an dem ich mich getraut habe: Da machte jemand seit vielen Jahren nichts anderes.

Drei Termine vor Ort. Fragebögen, Interviews, Fragen zu Situationen, an die ich mich selbst kaum erinnerte. Dazu meine Grundschulzeugnisse, die meine Mutter noch hatte, und Fragebögen an meine Familie.

Das war der Teil, den ich vorher unterschätzt hatte. Ich konnte das nicht allein mit mir ausmachen, so wie ich sonst alles allein mit mir ausmache. Es ging nur, wenn andere mitmachen und über mich Auskunft geben.

Der Bescheid

Am Ende saß ich in diesem Raum und bekam gesagt, was ich vermutet hatte. Und dann habe ich geweint, ziemlich lange und ziemlich viel, und es war keine Trauer, sondern Erleichterung.

Sie hat es mir mit einem Bild erklärt. Alle um mich herum spielen Gitarre. Gitarre lernt man relativ schnell, und wenn man dabei etwas falsch macht, hört es sich nicht besonders schlimm an. Ich spiele Geige. Die Geige ist schwer zu lernen, jeder Fehler ist sofort zu hören, und es kostet einfach viel mehr Kraft, sie überhaupt zu spielen. Und mit der neuen Rolle als Mutter kommt dann eine neue Geige dazu, die man auch erst lernen muss.

Die Erleichterung kam daher, dass in diesem Moment zum ersten Mal die Stimme leiser wurde, die mein Leben lang mitgelaufen war. Die Stimme, die gesagt hat, dass andere das auch schaffen, dass ich mich einfach mehr anstrengen muss, dass ich zu faul bin.

Es lag nicht daran, dass ich mich zu wenig angestrengt habe. Ich hatte mich mein Leben lang mehr angestrengt als die meisten um mich herum.

Grafik mit dem Satz „Alle um mich herum spielen Gitarre. Ich spiele Geige.“ neben einer Geige

Die Falltür

Ungefähr eine Woche hat diese Erleichterung angehalten.

Dann kippte es von jetzt auf gleich, ohne Vorwarnung, so wie bei mir eigentlich immer alles kommt. Es öffnete sich eine Falltür unter meinen Füßen.

Denn eine Diagnose erklärt nicht nur den heutigen Tag. Sie sortiert rückwärts, und auf einmal lagen da all die Situationen, in denen ich nicht verstanden habe, warum es bei mir schwerer ging, und all die Sätze, die ich über mich gehört und irgendwann selbst geglaubt habe. Dass ich mich nur einfach mal konzentrieren müsste. Dass ich zu chaotisch bin. Dass ich es eben nicht genug will.

Das war keine Erleichterung mehr, sondern Trauer um eine ganze Zeit, in der nicht einmal ich wusste, worum es eigentlich ging.

Der Satz, der mich da rausgeholt hat

Eine Freundin hat mir in dieser Zeit gesagt:

„Jeder trägt sein Päckchen mit sich, und ist es nicht total schön, dass du jetzt schon weißt, was drin ist?“

Und dieser Satz hat wirklich viel mit mir gemacht. Meins ist halt ADHS, und es geht nicht weg. Aber er hat die Diagnose von einem Urteil wieder zu etwas gemacht, das zu mir gehört und mit dem ich umgehen lernen kann.

Ein offener Umzugskarton mit zerknülltem Papier auf einem Tisch

Was danach kam

Ich habe angefangen, an dem zu arbeiten, was mein Hausarzt mir nach dem Hörsturz gesagt hatte und was ich damals nur halb gehört habe. MBSR, Atmung, und alles, was mein Nervensystem wieder nach unten bringt, bevor es von allein entscheidet.

Was sich verändert hat, ist, dass ich weiß, womit ich es zu tun habe.

Ich habe aufgehört, gegen mich selbst zu arbeiten, und angefangen, mich zu verstehen und anzunehmen, so wie ich mit meinem ADHS nun einmal bin.

Wenn du dich in meiner Geschichte wiedererkennst, musst du diesen Weg nicht allein gehen. In meiner Begleitung schauen wir acht Wochen lang gemeinsam, wie dein Kopf arbeitet und was dein Alltag braucht, damit er leichter wird.