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Meine Geschichte · Teil 1 von 3

(1) ADHS bei Frauen: warum es niemandem aufgefallen ist

Ein Vogelschwarm am hellen Himmel

Mein Name stand an der Tafel. Wieder.

Ich hatte mein Hausaufgabenheft in der Schule vergessen und wusste zu Hause nicht, was wir überhaupt aufhatten. Ich hätte eine Freundin anrufen können, zwei Minuten, und die Sache wäre erledigt gewesen. Ich habe es nicht getan. Ich wollte mir nicht schon wieder die Blöße geben.

Ich nahm lieber die Konsequenz in Kauf, als zuzugeben, dass ich schon wieder etwas vergessen hatte.

Das Mädchen, das nicht störte

In der Grundschule war ich im Unterricht still und konnte oft nicht folgen. „verträumt“ steht im Zeugnis. Auf dem Schulhof war ich das Gegenteil: laut, aufgedreht, die, die ohne Punkt und Komma redet, die mit „Hummeln im Hintern“.

Ich sollte dem Unterricht folgen, draußen flog ein Vogel am Fenster vorbei, und meine Gedanken flogen mit.

ADHS, das war damals der Zappel-Philipp: ein Junge, der nicht stillsitzen kann und die ganze Klasse aufmischt. Ich war das Gegenteil. Angepasst, freundlich, leise. Auf die Idee kam deshalb niemand.

Kinder, die stören, fallen auf. Ich habe nicht gestört. Also ist es niemandem aufgefallen.

Ein Vogelschwarm am hellen Himmel

Was um mich herum eingerichtet wurde

Damit ich dem Unterricht folgen konnte und niemanden ablenkte, saß ich in der ersten Reihe. Eine Zeit lang ganz allein vorne, meinen Tisch an das Lehrerpult geschoben. Zu Hause stand mein Schreibtisch vor einer leeren Wand. Schlüssel wurden bei uns vorsorglich mehrfach nachgemacht, beschriften durfte ich sie nicht, ich verlor zu viele.

Ein Schlüsselbund mit Herzanhänger hängt an einem Ast

„Na, gut, dass dein Kopf angewachsen ist. Sonst würdest du den auch noch verlieren.“

Das war nicht liebevoll gemeint, und so ist es auch nicht angekommen. Irgendwann habe ich den Satz selbst benutzt. Über mich. Zu mir. Das ist das Fiese an solchen Sätzen: Ab einem bestimmten Punkt braucht es niemanden mehr, der sie ausspricht. Sie werden zur eigenen inneren Stimme.

Jede dieser Maßnahmen wurde wegen meiner ADHS getroffen. Nur hieß das damals nicht so. Bei uns Mädchen hieß es verträumt, chaotisch, und manchmal ein bisschen anstrengend.

Und dann gab es einen Ort, an dem nichts davon nötig war. Im Reitstall habe ich die Zeit um mich herum vergessen. Meine Eltern kamen dorthin gefahren, um mit mir zu essen, weil ich Essen und Trinken schlicht aus den Augen verlor.

Das alles war bereits in der Grundschulzeit.

„Dir fliegt doch alles zu“

Wenn ich wirklich etwas wollte, habe ich alles dafür getan und sehr viel Energie gebraucht, um es nach der Anfangseuphorie überhaupt zu Ende zu bringen. Und immer wieder kamen danach dann neuen Ideen auf. Eine Ausbildung zur Mediengestalterin bei Fernsehen und Radio, danach eine kaufmännische Ausbildung, berufsbegleitend ein Studium.

Genau das ist der Grund, warum bei Frauen wie mir niemand auf ADHS kommt. Meine Eltern sagen bis heute: Dir fliegt doch alles zu. Wie soll das mit ADHS gehen?

Es hat (zum Glück) funktioniert. Nur nicht so, wie es von außen aussah. Die Energie, die ich dafür gebraucht habe, hat niemand gesehen. Und das Loch danach, wenn nichts mehr übrig war, hieß dann Faulheit.

Was das alles war

Die leere Wand, der Platz ganz vorn, die vielen Reserveschlüssel, das waren Hilfen. Damit ich nicht abgelenkt werde. Damit nichts verloren geht.

Und was ich selbst dazugetan habe, war die Maske. Nicht fragen. Nicht zugeben, dass ich es schon wieder vergessen hatte. Morgens in zehn Minuten die Hausaufgaben nachholen, die ich am Tag zuvor nicht geschafft hatte.

Von außen sieht das aus wie Können. Von innen ist es Arbeit, die jeden Tag von vorn anfängt und jeden Tag unfassbar zusätzliche Energie kostet.

Solange ich nur für mich verantwortlich war, hat diese Maske getragen.

Dann kam mein Sohn. Und nichts davon trug mehr.

Lies Teil 2, wenn du wissen möchtest, wie sich mein Leben durch die Mutterschaft verändert hat und ich überhaupt dadurch erst auf das Thema ADHS gekommen bin.