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Meine Geschichte · Teil 2 von 3

(2) ADHS und Mutterschaft: bis nichts mehr ging

Eine Mutter hockt mit ihrem kleinen Sohn am Waldrand, beide schauen in dieselbe Richtung

Ich liebe meinen Sohn. Den Tagesablauf, den er mitgebracht hat, habe ich dennoch oft verflucht. Beides war gleichzeitig wahr, und das eine hat das andere nicht kleiner gemacht.

Ab dem Tag, an dem er da war, bestimmte ich nicht mehr, wann ich esse, wann ich anfange und wann ich aufhöre.

Ich kam in meinem eigenen Tag nicht mehr vor.

Eine volle Küchenspüle mit ungespültem Geschirr

Was dabei verloren ging

Als Kind wurde um mich herum eingerichtet, damit es geht. Der Platz ganz vorn, die leere Wand, die vielen Reserveschlüssel.

Als Erwachsene habe ich mir das selbst gebaut. Mein Tempo. Meine Reihenfolge. Meine selbstgewählten Pausen.

Erschöpft war ich, vor der Geburt meines Sohnes, auch. Der Unterschied war, dass ich Pausen einlegen konnte. Wenn es zu viele Reize wurden, habe ich mich abends zurückgezogen, und am nächsten Tag ging es meistens wieder.

Diese Pause gibt es mit Kind nicht.

Alle Mütter verlieren Schlaf, Zeit und die Selbstbestimmung. Der Unterschied ist, dass bei mir jede einzelne Strategie darauf gebaut war.

Der Alltag

Mein Energietank war morgens schon leer.

Und je voller der Tag wurde, desto vergesslicher wurde ich.

Dass ich Hunger hatte, habe ich meistens erst gemerkt, als es schon zu spät war und ohnehin war dann keine Zeit etwas zu essen.

Dazu die ständigen Planänderungen, weil es dann doch nicht passte.

Für andere ist ein geänderter Plan ärgerlich. Für mich war er ein Neustart. Die Energie, überhaupt anzufangen, musste ich jedes Mal neu aufbringen.

Und ein Kind zu beruhigen setzt voraus, dass man selbst ein reguliertes Nervensystem hat. Meins war morgens schon nicht mehr reguliert.

Bei allen anderen sah es leichter aus. Das war der Teil, der am meisten wehtat. Ich wurde impulsiver, vor allem gegenüber meinem Mann.

Abends war ich manchmal so überreizt, dass es mir zu viel wurde, wenn mein Kind mich angefasst hat. Bei meinem Kind, das ich so sehr liebe.

Das hatte nichts mit ihm zu tun. Mein System war schon voll, bevor er den Raum betreten hat.

Bis mein Körper entschieden hat

Bei mir gibt es selten ein Dazwischen. Es gibt nur ein „es geht“ und „es geht gar nicht mehr“.

Die Vorwarnung habe ich nicht gehört, weil ich sie noch nie gehört habe.

Dann kam der Hörsturz.

Dass ich mehr Ruhe brauchte, wusste ich vorher. Ernst genommen habe ich es erst, als mein Arzt es ausgesprochen hat.

Ich habe mir selbst nicht geglaubt. Es brauchte jemanden von außen.

Mein Sohn kam schon früh für ein paar Stunden zur Tagesmutter. Er ging gern dorthin und war dort glücklich. Schwer war es trotzdem, aber nicht seinetwegen.

Schwer war, was von außen kam. Dass das doch nicht gut sein könne für ein so junges Kind. Dass die Jahre nicht wiederkämen und das der Bindung schade. Und was ich denn mit der ganzen freien Zeit überhaupt anfange.

Ganz ehrlich, ich habe gefrühstückt. Ich habe die Erledigungen gemacht, die dringend waren. Ich habe kurz geatmet.

Und als ich ihn abholte, habe ich mich auf ihn gefreut.

Dann war ich die Mutter, die ich sein wollte.

Eine Mutter hockt neben ihrem kleinen Sohn im Wald, beide schauen in dieselbe Richtung

„Das ist ja wie bei mir“

Das Thema ADHS bei Frauen ist in den letzten Jahren in den Medien immer größer geworden. Das war mein Glück. Ich habe immer wieder etwas zu ADHS gelesen und musste feststellen. „Wie witzig, das ist ja wie bei mir.“

Es war bei fast jedem Thema so.

Mein Mann hat mich ebenfalls darin wiedererkannt und mir beschrieben, wie er es von außen sieht. Die hundert Themen, die ich in kürzester Zeit anspreche. Das Springen von einem zum nächsten. Das Verzetteln. Ständig Sachen verlegen, Termine vergessen, schnell überreizt sein, immer von Null auf 180. Dass ich im Kopf schneller bin als im Sprechen, und beim Erzählen die Hälfte der wichtigen Informationen fehlt.

Und das andere, das genauso dazugehört: die Neugier auf Neues. Das leidenschaftliche Eintauchen in ein Thema. Andere in Bewegung bringen. Andere gut verstehen. Meine Spontanität.

Es dauerte trotzdem noch ein gutes halbes Jahr, bis ich den Gedanken ernst genommen habe.

Inzwischen sagt das ja jede Zweite über sich. Was sollte sich dadurch schon ändern. Ich sollte mich einfach mal nicht so anstellen und mich zusammenreißen, sagte dann wieder meine innere Stimme.

Irgendwann schlug mein Mann vor, es trotzdem einfach mal diagnostizieren zu lassen.

Für die Klarheit. Wenn ich das möchte.

Der erste Anruf

Mein erster Weg war der zum Hausarzt, ein älterer Herr, der dem Thema (zum Glück) neutral gegenüberstand. Ich solle mich bei der Uniklinik melden, dort gebe es eine Abteilung für ADHS.

Ich ging nach Hause und war euphorisch. Ich hatte eine Adresse.

Dann rief ich an, um einen Termin für die Diagnostik zu vereinbaren.

Ran ging ein Anrufbeantworter.

„Die Warteliste ist leider schon voll. Wir nehmen niemanden mehr auf die Warteliste auf. Danke für Ihr Verständnis.“

Bis dahin wusste ich nicht, dass eine Warteliste voll sein kann.

Ich hatte über ein halbes Jahr gebraucht, um mich selbst ernst zu nehmen und mich zu trauen, diesen Schritt zu gehen. Und dann ging es nicht weiter.

Lies Teil 3, wenn du wissen möchtest: wie ich schließlich doch eine Praxis gefunden habe, was die Diagnose mit mir gemacht hat, und warum nach der Erleichterung erst einmal ein Loch kam.